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Die eiserne Willenskraft eines Kriegsgefangenen

Die unglaubliche Geschichte eines Mannes, der niemals aufgab.

Mein Urgroßvater Christian Seiler („C.S.“) kam am 24. Dezember 1906 in dem deutschen Aussiedlerdorf Wassertal nahe Odessa (Ukraine) zur Welt. Er stammte aus einer Bauernfamilie, deren Vorfahren vor Generationen von Deutschland nach Russland auswanderten. C.S. lernte seinen Vater nie kennen, denn dieser starb als C.S. noch ein neun Monate alter Säugling war. Während er alleine bei seiner Mutter blieb, wurden daraufhin seine drei Brüder auf andere Bauernhöfe verteilt, um als Knechte ihr Brot zu verdienen. Mit wachsendem Alter fing er an die Arbeit auf dem Bauernhof gerne zu verrichten, da er die Natur und besonders die Tiere lieb gewann.

Mit 24 Jahren heiratete er am 12. September 1931 die Dame Pauline Becker und gründete eine Familie. Gott schenkte ihnen einen Sohn und eine Tochter. Seine Familie bedeutete ihm alles und gemeinsam lebten sie im lebendigen Glauben an Jesus Christus. Ihr ohnehin schon schwieriges Leben sollte schon bald für immer verändert werden.

Im August 1941 marschierten die deutsche Wehrmacht im Zuge des Zweiten Weltkrieges in Russland ein und gelangte auch nach Wassertal. Daraufhin wurde C. S. mit seiner Familie als deutsche Bürger anerkannt. Während dem Krieg arbeiteten sie als Landwirte bis sich die Lage änderte. Nach der Kriegswende 1944 rückte die sowjetische Armee an und erzwang den Rückzug der deutschen Truppen. Alle anerkannten deutschen Bürger flüchteten ebenso und wurden von der deutschen Armee mitgenommen.

C.S. gelangte mit seiner Familie nach Polen, wo er in Obornig zusammen mit vielen anderen Männern in die Wehrmacht eingezogen wurde. Eines seiner Gebete war, dass Gott ihn davor bewahrt, auf Menschen schießen zu müssen. Gott erhörte seine Gebete: C.S. musste sein Gewehr nie gebrauchen. Während seine Familie weiter nach Saarmund bei Potsdam zog, diente er als Soldat im Krieg.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam er 1945 in amerikanische Gefangenschaft, welche er in Frankreich verbrachte. Er freundete sich dort mit Friedrich Stürmer an, einem gläubigen Kriegskameraden und Bauern aus Ludwigsburg. Sie beteten viel zusammen, sangen Lieder und unterhielten sich über das Wort Gottes. Diese gemeinsamen Aktivitäten lieferten ihnen einen festen Halt und entzündeten eine starke Hoffnung während der Gefangenschaft. Dies half ihnen enorm diese furchtbare Zeit des großen Hungers und der schweren Arbeit durchzustehen. Die gemeinsame Gefangenschaft festigte ihre Freundschaft, welche bis ins hohe Alter andauerte. Die Hoffnung bald seine Familie wiederzusehen und der Drang sich auf die Suche nach ihnen zu machen, gab C.S. zusätzlich den starken Willen durchzuhalten. Er fasste den festen Entschluss, sofort nach seiner Freilassung seine Familie zu finden.

Nach seiner Freilassung machte sich C.S. auf den direkten Weg nach Saarmund bei Potsdam, die letzte ihm bekannte Adresse seiner Frau und Kinder. Angetrieben von Sehnsucht, konnte er es voller Vorfreude kaum abwarten, seine Familie wieder in die Arme zu schließen. Jedoch befand sich seine Familie nicht mehr an diesem Ort.

Wie sich herausstellte, passierte die Familie drei Aufenthaltslager und dieser Fährte folgend ging C.S. von Lager zu Lager. Im letzten Lager erhielt er die erschreckende Nachricht, dass die russische Armee seine Familie zurück in die UdSSR verschleppt hatte.

Das Blut gefror in seinen Adern. Was sollte er nun tun? In dieser Nacht hatte er einen außergewöhnlichen Traum. Er träumte von einem See, auf dem eine Ente mit zwei kleinen Entenküken schwammen. Dieser Traum war für ihn ein deutliches Bild für seine Frau und seine zwei Kinder. Es war ihm klar: er musste sie finden und sich um sie kümmern, sonst würden sie verhungern.

Dies war der Augenblick der Entscheidung!

Viele deutsche Männer aus Russland bauten sich neue Existenzen auf und gründeten neue Familien. Sie wollten den Krieg vergessen und machten mit dem Leben weiter. Viele seiner Bekannten taten dies und rieten ihm ab nach Russland zu gehen. Sie befürchteten C.S. würde seine Familie niemals finden und bei der Suche nur sein Leben verlieren. Für ihn kam es aber nicht infrage in Westdeutschland zu bleiben, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Dafür liebte seine Familie zu sehr. Das Heimweh nach seiner Frau und seinen Kindern trieb ihn an, sich auf die Suche zu machen. So fasste er den Entschluss nicht zu ruhen, bis er sie gefunden hatte.

C.S. antwortete auf den Einwand, dass es in Russland nichts zu essen gibt und die Leute vor Hunger sterben würden: „Da wo meine Familie ist, da will auch ich sein und wenn sie verhungern sollten, dann will auch ich mit ihnen verhungern.“

Fest entschlossen seine Lieben zu finden, meldete er sich freiwillig bei der russischen Verwaltung. Während des bitteren Winters wurde C.S. in ein Untersuchungslager in Archangelsk (im Norden Russlands nahe Finnland) verfrachtet. Er ging damit ein großes Risiko ein, denn es gab nur drei Alternativen: Arbeitslager, Gefängnis oder idealerweise die Freilassung. Knapp ein Jahr kämpfte er sich durch diese Zeit, bis er Dank seiner sauberen Vergangenheit von den Russen 1946 freigelassen wurde. Nun lag das unfassbar große Staatsgebiet der UdSSR vor ihm. Wo sollte er nun mit seiner Suche beginnen?

Die Wege des HERRN sind unergründlich!

Noch in derselben Stadt traf er auf einen russischen Kommandanten der „zufälligerweise“ seine Familie kannte. Der Kommandant bestätigte, dass die Familie am Leben war und kannte sogar ihren Aufenthaltsort. Nach einer Reise von etwa 5500 Kilometern, erreichte Christian Seiler im November 1946 endlich nach 2,5 langen Jahren seine Familie in dem winzigen Dörfchen Kornino (Ural). Ein unbeschreiblicher Moment tiefster Freude und unfassbaren Glücks. Sein beständiges Zeugnis blieb, dass Gott ihn versorgte und Jesu Gnade ihn durch trug und ihn mit seiner Familie vereinte. Dies brachte er gerne durch einige Strophen seines Lieblingsliedes „Meine Zufriedenheit“ (J.A. Ehrhard 1789) zum Ausdruck: „Jesus soll mir allein Himmel und Erde sein, meine Zufriedenheit, meine Vergnüglichkeit – sei Er mir allezeit.“

(Christian und Pauline Seiler – 63 Jahre verheiratet)

„Im demütigen Leben kann nichts so ermunternd und schön sein, wie einen Mann zu sehen, der Leid mit Geduld bekämpft, der durch seine Integrität triumphiert und der, wenn seine Füße bluten und ihm seine Gliedmaßen versagen, immer noch durch seine Tapferkeit wandelt.“ – Samuel Smiles

Die Essenz der Willenskraft

Willenskraft beinhaltet Zähe, Durchhaltevermögen und feste Entschlossenheit. Alle diese Eigenschaften verkörperte mein Urgroßvater. Angetrieben von seiner Liebe, seinem Glauben und der Hoffnung, gab er niemals auf. Diese Willenskraft, der Entschluss seine Familie zu finden und Gottes Leitung führten ihn an sein Ziel.

Wie sehr benötigen wir diese Eigenschaft in unserem Leben!

Diese Geschichte macht mich demütig, da meine bisherige Lebenserfahrung diesem Schicksal und dieser Stärke nicht nahekommt. Allerdings bin ich davon zutiefst inspiriert und wünsche mir für mich und dich, auch zu dieser Charakterstärke zu gelangen.

Die gelebte Männlichkeit meines Urgroßvaters zeigte sich darin, dass er nach langen Zeiten des Leids als abgemagerter, schwacher und besitzloser Mann, es fertigbrachte, allen Widerständen zum Trotz den Weg zu gehen, den ihm sein Herz zeigte.

Nach Orison Swett Marden ist dies der Test für Mannhaftigkeit:

„Wie viel ist noch in dir übriggeblieben, wenn du alles verloren hast?“

Willenskraft ist eng verbunden mit Hoffnung. Wenn du noch Hoffnung hast, können Hoffnung und Wille fusionieren und bilden den Antriebsmotor für dich weiterzugehen. Der jüdische Psychologe und Begründer der Logotherapie Viktor Frankl überlebte das Konzentrationslager während des Zweiten Weltkriegs. Er schrieb 1946 seinen weltbekannten Klassiker namens „Man’s Search For Meaning“ (auf dt: Trotzdem Ja zum Leben sagen). Darin schreibt er unter anderem über die Bedeutung der Hoffnung und dem Willen zum Leben. Er erzählt davon, wie die Menschen in den KZ-Lagern haufenweise starben. Er beobachtete, dass diejenigen zuerst starben, die den Willen zum Leben aufgaben und keine Hoffnung mehr sahen. Andere wiederum, die auch am kleinsten Lebenssinn festhielten und sei es nur, um ein Buch zu Ende zu lesen – die blieben am Leben!

Es ist überwältigend, welche Bedeutung das für dein Leben, deinen Job, deine Beziehungen, deinen Alltag und vor allem für deinen Glauben und die Nachfolge hat.

Die Bedeutung von Willenskraft im Leben

Die ersten Nachfolger Jesu Christi trafen direkt von Beginn auf schwerste Verfolgung. Die ersten drei Jahrhunderte der Kirchengeschichte sind gekennzeichnet von dem Leid der Christen und dem Blut vieler Märtyrer, die unter der römischen Herrschaft ihr Leben für Jesus gaben. Unter all diesen Bedrängnissen ist es verständlich, dass man müde wird, den Mut sinken lässt und diese Last zu schwer wird. So ging es einigen Christen, woraufhin sie den Blick auf das Ziel zu verlieren drohten.

In diesem Zusammenhang entstand auch der Hebräerbrief. Neben all der schwerwiegenden theologischen Bedeutung der Person Jesus Christus als Gott, Mittler, Hohepriester, Erlöser und HERR der Welt, ist der Hebräerbrief ein Mutmacher-Brief. Er ist Sprit für den Motor, Dampf für die Maschine und Wind für die Segel.

„Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie und tut sichere Schritte mit euren Füßen, dass nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesundwerde. Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird.“ (Hebräer 12,13-14)

Mit diesen Worten richtet sich der Schreiber an die Christen. Er will durchgehend auf das Ziel ausrichten. Aber er blickt nicht nur nach vorne, sondern auch nach hinten. Ein ganzes Kapitel lang (Hebräer 11) schreibt er über die großen Glaubenshelden der Vergangenheit. Der Autor ruft dazu auf, sich an alle diese Menschen zu erinnern, die treu lebten, sich im Glauben bewährten und in Ehre starben, um dann von Jesus im Himmel begrüßt zu werden. Mit Blick auf dieses großartige und schwerwiegende Vermächtnis heißt es:

„Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande geringachtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes!“ (Hebräer 12, 1-2)

Diese Glaubenshelden und allen voran Jesus selbst erlitten Schlimmes, aber blieben fest, wie St. Ignatius von Loyola sagte: „Stehe fest und unerschütterlich, wie ein Amboss, auf den geschlagen wird.“

Um durch steiniges Terrain hindurchzukommen braucht man das entsprechende Fahrzeug. Auf einer Fahrt durch die rauen Berge, wo der Weg nicht schön asphaltiert ist, sondern Schlaglöcher und andere Hindernisse auf dich warten, kommst man du mit einem Ferrari nicht sonderlich weit. Unser Leben entspricht einer Reise auf einem harten und herausfordernden Weg. Mein Urgroßvater strebte unermüdlich der Liebe nach und lebte für die Ehre Gottes. Er tat dies unter Einsatz seines ganzen Lebens. Er hatte den richtigen Kraftstoff und die passende Maschine. Um am Ende siegreich ans Ziel zu gelangen, brauchst du ebenso ein stabiles Fahrzeug – einen festen Charakter, der eiserne Willenskraft hervorbringt, die aus Mut geboren ist.

Wir brauchen den Glauben, die Hoffnung und den eisernen Willen am Ziel festzuhalten! Lasst uns gemeinsam als Lionchasers diesen Weg der Helden gehen und als Männer Willenskraft und Charakterstärke beweisen. Wir haben einen mächtigen Gott, der uns dabei helfen wird. Die abschließenden Worte kommen von einem Gentleman mit Zylinder, der dieselbe Tugend in seinem Leben bewies:

„Und nachdem wir nun unseren Weg gewählt haben, ohne Arglist und mit reiner Absicht, lasst uns unser Vertrauen in Gott erneuern und ohne Furcht und mit männlichen Herzen vorwärtsgehen.“ – Abraham Lincoln

 

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