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Die Schar von Brüdern

Servus Gentlemen!

In William Shakespeares Drama Heinrich V. (ca. 1.600 n.Chr. erstmals erschienen) steht der englische König Heinrich V. vor seiner Armee, die den zahlenmäßig weit überlegenen Franzosen in der Schlacht von Azincourt gegenübersteht und hält ein Rede, in der er u.fa. folgende Worte sagt:

We few, we happy few, we band of brothers …

Uns wen’ge, uns beglücktes Häuflein Brüder …

Auch wenn ich kein Fan von gewaltverherrlichenden Kriegsfilmen oder Kriegsrhetorik bin, inspirieren mich solche Bilder und Erzählungen: Geschichten von Freunden, die zusammenhalten und miteinander „durch Dick und Dünn“ gehen, Berichte von Einsatzkommandos, die eine gemeinsame, lebensgefährliche Mission erfüllen und sich dabei doch blind auf den anderen verlassen können …

Mir geht es darum, gemeinsam ein Ziel zu erreichen, sich zu ergänzen, sich gegenseitig zu unterstützen, sich aufzuhelfen,  sich anzufeuern und  sich durchzutragen.

Die Schlacht auf Leben und Tod in den o.g. militärischen Szenarien ist für mich ein Bild für extreme Krisen im Leben, wo ein Freund oder ich selbst „nicht mehr ein noch aus weiß“, wo echte Unterstützung benötigt wird. Wenn das Leben gerade „gut läuft“, dann können wir das Leben feiern und genießen. Aber was ist, wenn eine Schlacht zu kämpfen ist? Wenn ein enger Freund (meiner „Band of Brothers“) oder ich selbst in der Krise stecken?

Dann stehen wir zusammen!

Wenn der Sinn infrage steht, dann können wir gemeinsam danach suchen. „Wer das Warum kennt, erträgt fast jedes Wie!“, hat der österreichische Arzt und Psychotherapeut Viktor Frankl häufig den grimmigen Philosophen Nietzsche zitiert.

Unzählige Male schon hat mir ein Freund aus meiner eigenen „Band of Brothers“ geholfen, dran zu bleiben und das „Warum“ (wieder) zu entdecken, wenn mich der Mut verlassen hatte. Im Hebräerbrief, Kapitel 12,1-2, schreibt der Verfasser des Briefes:

Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens. (LUTHER2017)

Dieser Text ist für mich in diesem Sinne ein Referenztext:

  1. Es geht darum, „dranzubleiben“ und sich von unnötigen und hinderlichen Dingen zu trennen.
  2. Der Text spricht nicht den Einzelnen an (also nicht den „Einzelkämpfer“), sondern er ist im Plural verfasst, also nicht „Du läufst…“, sondern „Wir laufen…“.
  3. Wir haben einen „Anfänger und Vollender“, d.h. wir haben einen Ursprung und ein Ziel, nämlich: Christus.

Im Hier und Jetzt ist es nicht immer „schön und einfach“:

Wir brauchen Geduld.

Wir müssen uns gegenseitig ermutigen, aufzustehen.

Wir müssen uns darauf hinweisen, wenn wir den Fokus aus den Augen verloren haben.

Und wenn wir verletzt sind, dann brauchen  wir jemanden, der uns „durchträgt“.

Leider ist der Kontext der christlichen Kirche nicht immer der ideale Ort, wo diese Form von Unterstützung gewährt wird. „Die Gemeinde ist die einzige Armee, die ihre eigenen Verwundeten erschießt„, habe ich einmal einen enttäuschten Christen sagen hören.

Ich kann das zu einem gewissen Teil nachvollziehen. Gleichzeitig bin ich aber dankbar, dass ich dieser Sichtweise auch eine andere Perspektive entgegenstellen kann:

Als ich selbst einmal ins Schleudern geraten bin und das Ziel aus den Augen verloren hatte, hat Gott mir Menschen geschenkt, die mich ein Stück „mitgeschleift“ haben, die mir ermutigende Worte zugesprochen haben und die mich auf ihre Schultern genommen haben, bis ich wieder selbst laufen konnte. Damit habe ich im übertragenen Sinne erlebt, wie es einem verwundeten Soldaten in der Schlacht im Idealfall ergeht: Er wird auf den Schultern seiner Kameraden aus dem Gefecht getragen.

Und so will ich selbst auch sein für meine eigene „Band of Brothers“: Jemand, der seine Schulter anbietet, wenn einer nicht mehr selbst laufen kann. Ich bin dankbar für
mein „Häuflein Brüder“, mit denen ich unterwegs sein darf, dem großen Ziel entgegen – bis es einmal heißt:

Mission accomplished! (vgl. 2.Tim 4,7f)

Fragen zum Nachdenken

  • Was sind deine Kriterien für deine eigene „Band of Brothers“?
  • Hast du schon eine eigene „Band of Brothers“ (lebst du schon in echten und tiefen freundschaftlichen Beziehungen)? Wenn „Nein!“, was hindert dich und was wäre von deiner Seite dran, zu ändern?
  • Wäre es gegenwärtig vielleicht dran, auf jemanden zuzugehen und ihn um sein „Mittragen“ zu bitten? Oder gibt es gegenwärtig jemanden, dem du dein „Mittragen“ anbieten könntest?

 Viele Grüße,

Jan

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Gastautor: Jan Achtermann

40 Jahre jung, verheiratet mit Esther, 2 Kinder

Erst Banker, später Theologe, Supervisor und Coach

Seit 2011 leitender Pastor der Freien Christengemeinde in Oldenburg (Oldb.)

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